Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

 

Seit 2002 untersucht ein Forschungsprojekt der Universität Bielefeld unter der Leitung von Prof. Heitmeyer das Phänomen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF).

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnet feindselige und abwertende Einstellungen gegenüber Sinti und Roma, Homosexuellen, Zugewanderten, Juden und Arbeitslosen usw. Solche Feindseligkeit äußert sich in Form von Vorurteilen, negativen Stereotypen, diskriminierenden Handlungsabsichten und kann bis hin zu Gewalt führen. Menschenfeindlichkeit bezieht sich also auf soziale Gruppen und ist keine Feindschaft, die sich auf individuellen Merkmalen eines Menschen begründet. Vielmehr nimmt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Gruppen der Gesellschaft in den Blick, die als ‚anders‘, als nicht normal, abweichend und fremd markiert werden.

Diese Ausgrenzung betrifft aber nicht nur Personen nichtdeutscher Herkunft. Vielmehr ist die Spannbreite der Gruppen, die von Menschenfeindlichkeit betroffen sind, groß. Je nach gesellschaftlichem Meinungsklima können auch neue Gruppen in den Fokus geraten und Abwertung ausgesetzt sein. Im Zuge der Hartz IV-Debatten und dem Inkrafttreten der entsprechenden Gesetzgebung im Jahr 2005 wurde bspw. die Gleichwertigkeit von arbeitslosen Menschen im öffentlichen Diskurs aufs Schärfste in Frage gestellt. Aktuell wiederum ist zu beobachten, dass Sinti und Roma sowie Asylsuchende vermehrt Feindseligkeit erfahren.

Das Forschungsteam der Universität Bielefeld berücksichtigt gegenwärtig zwölf Elemente von Menschenfeindlichkeit: Sexismus, Herausstellung von Etabliertenvorrechten, die Abwertung von Homosexuellen, von Menschen mit Behinderung, von Asylsuchenden, Langzeitarbeitslosen, Wohnungslosen und Sinti und Roma, Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Muslimfeindlichkeit.

 

 

Allen Elementen gemeinsam ist eine zugrundeliegende Ideologie der Ungleichwertigkeit. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bedeutet also im Kern die Ablehnung der Gleichwertigkeit aller Menschen. Die Tendenz, Etabliertenvorrechte zu befürworten und in Konsequenz Gruppen, die zur Gesamtgesellschaft dazu stoßen, abzuwerten, wird dabei als eine Art ‚Prototyp‘ des Vorurteils gesehen.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist dabei als ein Syndrom zu begreifen. Das bedeutet, dass die Feindseligkeit gegenüber einer Gruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Feindseligkeiten gegenüber anderen Gruppen einhergeht. Empirische Erhebungen haben gezeigt, dass bspw. Personen mit fremdenfeindlichen Einstellungen vielfach auch zu sexistischen Haltungen und abwertenden Einstellungen gegenüber Wohnungslosen tendieren.

Menschenfeindlichkeit dient der Aufrechterhaltung von sozialen Hierarchien. Durch die Ideologie der Ungleichwertigkeit wird die Höherwertigkeit der Eigengruppe legitimiert. Feinseligkeit gegenüber  asylsuchenden Menschen geht bspw. einher mit der Betonung der Vorrechte der alteingesessenen Bevölkerung (Etabliertenvorrechte). Die Abwertung von schwächeren Gruppen der Gesellschaft führt also im gleichen Zuge zur Aufwertung der eigenen Gruppe.

Menschenfeindlichkeit ist in allen gesellschaftlichen Teilgruppen verbreitet ist und ein Phänomen der Mitte der Gesellschaft. Feindseligkeiten sind in Ost-genauso wie in Westdeutschland, bei Jüngeren und Älteren, bei Männern genauso wie bei Frauen vorzufinden. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit betrifft uns alle.

Quellen:
•    Klein, Anna, Eva Groß und Andreas Zick. „Menschenfeindliche Zustände“. Zick, Andreas und Anna Klein (Hrsg.). Fragile Mitte – Feinselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Bonn, 2014: 61-84.
•    http://www.uni-bielefeld.de/ikg/Fachstellen/GMF/index.htm; Zugriff am 25.08.2015.
•    Zick, Andreas. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus Sicht der Wissenschaft“. Amadeu-Antonio-Stiftung (Hrsg.). Was tun gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? Berlin, 2006: 6-8.